Verletztes Kind

Gerade eben hast du noch gelacht
Jetzt schaust du mich an wie verletztes Kind
Hast dich in der letzten halben Stunde in den hintersten Winkel deiner selbst verkrochen vor deinen Gedanken
Die so laut flüstern, dass selbst ich sie fast hören kann
Die dich so ausfüllen, dass deine Hülle zu zerplatzen droht (wie ein Luftballon)
Gleitest immer weiter weg von uns
Ich kann es sehen
Ich sehe die unsichtbaren Tränen, die die Nacht dir aufs Gesicht malt.
Ich höre die Anstrengung in deiner Stimme, wie du versuchst die Dämonen zu im Schach zu halten.
Ich fühle deinen Herzschlag, so unendlich weit entfernt, fast schon nicht mehr zu spüren.
Ich schmecke den Alkohol in deinem Blut, der dein Freund sein sollte heute Abend
Und der dich jetzt so hinterlistig an die Verzweiflung verrät, die unter dem Tisch lauert.

Und deine Augen sind schwarz von dem Gedanken an das Jetzt und das Gestern und das Morgen.

Wie ein verletztes Kind sitzt du da und jeder sieht, dass du ganz weit weg bist von all dem hier,dass du dich selbst wiederzufinden versuchst in dem Durcheinander in deinem Kopf
Dem Durcheinander aus Einsamkeit und Sorgen und Promille und Erwachsenseinmüssen (so jung)
In einer Welt, die dich nicht versteht und die du nicht verstehst (obwohl zumindest einer von euch sich anstrengt)
Und die dich heute Abend zwischen Menschen und Lampions und Gelächter so unheimlich traurig macht, dass du wohl weinen würdest
wenn da irgendwo noch Kraft in dir wäre

Und so weine ich für dich.
Ganz leise, innen drin
Und die Nacht malt uns unsichtbare Tränen aufs Gesicht.

Schachspiel

Ich spiele Schach

Schwarz, weiß, schwarz, weiß

Ich bin Spielfigur, Figurspiel

Angst vor der Dame, Angst vor der Mittellinie, Angst vor dem Feld, auf das man mich zwingt

Angst vor meinem Zug, der Entscheidung, dem Weg

Der gegnerische Turm wirft seinen Schatten über mich.

Aufschrei

Hat man dir den Mund zugenäht, Kreuzstich, dreimal, dass du nicht sprichst? Nicht sagst, was deine Meinung ist, nicht preisgibst, wer du wirklich bist, nicht herausschreist, was dich stört, keine Lieder singst von dem, was du liebst?
Hat man deine Augen zugeklebt, die Lider mit Panzertape an die Wangen, dass du sie nicht öffnest und erblickst, was Recht und Unrecht ist und Realität? Dass du die Wunder verleugnest, die vor dir geschehen und die Sonne verabscheust, wenn sie dir Licht macht?
Hat man dir den Kopf fixiert in einem Schraubstock, dass du ihn niemals drehst und dorthin schaust, wohin es auch mal Mühe macht zu schauen?
Hat man dir Nase und Ohren verstopft, dass du den Gestank von Zerstörung und den Klang von Euphemismen nicht wahrnimmst, der dich umgibt, hat man dir die Zunge abgeschnitten, dass du nur schnappst wie ein sterbender Fisch und deine eigene Faulheit nicht schmeckst?
Hat man dir die Kehle geöffnet, dass du alles schluckst, was man dir vorsetzt, ohne den Gehalt zu hinterfragen?
Sind deine Hände gebunden, dass du sie so tatenlos herumliegen lässt, keine Mauern damit einreißt, keine Menschen damit tröstest, und sind deine Füße geknebelt, dass sie dich nirgends hintragen, wo es etwas anzupacken gibt?
Hat man dich kahl geschoren und deine Kleidung gestohlen, dass du dich so kleinmachst, dass nicht mal Ausreden dich noch glaubhaft wirken lassen? Hat man dir das Herz herausgeschnitten, dass es sich nicht für Dinge begeistert, und das Gehirn entnommen, dass du nicht mehr selbständig denkst, hat man dir deinen Willen geraubt, dass du dich so flügellahm unterordnest,
verdammt noch mal

hast du es denn nicht gemerkt?

zwei.

ich male auf dich
mit meinen lippen
sanfte worte
deine weiche haut
ezählt mir geschichten
ich will sie hören
lufthauchendes flüstern kitzelt mein ohr
von oben dringt musik
wir lachen leise.
rücksichtsvoll schließt die dunkelheit die augen
während wir uns kennenlernen.