Fast normal

Marco ist ein Junge, ein kleiner, fast normaler Junge.
Aber nicht ganz normal.
Er spricht nicht.
Seine Mutter sagt: Marco ist Autist.
Marco kümmert das nicht. Denn für ihn zählt nur eins.
Der große, schwarze Kasten, der im Wohnzimmer steht. Tasten in weiß und schwarz. Das Klavier.

Wenn Marco ein Klavier sieht, ist er nicht aufzuhalten, dann muss er darauf spielen. Ob Zuhause oder in Foyers, Restaurants oder bei Freunden… Früher haben seine Eltern noch versucht, ihn davon abzuhalten, aber es war unmöglich. Marco schlug dann um sich, schrie und stöhnte. Erst, wenn man ihn ans Klavier ließ, wurde er ruhig. Und Marco liebt Musik.

die  zeit  steht  still                        die  leute auch           sie  bewegen  sich  nur ganz  langsam                        drehen  sich  um                         woher   kommt  diese musik ?                                    wer  ist  dieser  kleine  junge ?                        die welt ist angehalten

Wenn Marco aufhört zu spielen, weinen viele Leute. Und es bleibt noch lange still.

Dann, eines Tages, ist das Klavier zuhause verschwunden. Es ist weg. Und Marcos Mutter nimmt ihn auch nirgends mehr mit hin, wo eins stehen könnte. Jemand ist ins Haus gekommen; hat mit Marcos Eltern gesprochen. Hat laut gesprochen, mit harter Stimme. Ihr Sohn ist nicht normal. Er ist krank. Dieses Musikgehabe… und dann auch noch das Autismussyndrom… Sein Verhalten ängstigt die anderen Kinder im Hort. Dieses – dieses Musik… dieses – Klaviergedudel muss aufhören. Es ist unnormal und krank! Sorgen Sie dafür, dass er damit aufhört, sonst werden wir Maßnahmen ergreifen.

Marco läuft durchs Haus. Er sagt nichts. (Er spricht ja überhaupt nie.) Aber seine Augen fragen. Bitten. Wo ist das Klavier? fragen sie. Wo ist mein Freund?
Aber er bekommt keine Antwort. Ruhelos läuft Marco durchs Haus. Er sucht seinen Freund.
Wo ist er?

Marco kann nicht mehr schlafen. Er kann nicht spielen und nicht mehr lachen. Er sucht auch nicht mehr nach seinem Freund. Er tut überhaupt nichts mehr.
Marco wird krank, sehr krank. Als er wieder aufstehen kann, ist der Winter vorbei. Er wird in ein Erholungsheim für Kinder geschickt. Doch auch hier ist er furchtbar ruhig, apathisch, zeigt nie eine Reaktion. Die Betreuer sagen: Es ist hoffnungslos.
Er ist nicht mehr Marco. Er ist ein kleiner Junge, der nicht normal ist.
Am letzten Abend besuchen sie mit den Kindern ein Konzert. Auf der Bühne steht ein Flügel.
Während der Pianist spielt, schaut einer der Betreuer den kleinen Jungen an, der nicht normal ist, an und merkt, dass er am ganzen Körper zittert.

Nach dem Konzert ist der kleine Junge weg. Er hat sich davongeschlichen. Jetzt steht er vor der Bühne und schaut den Flügel an. Ein Mitarbeiter lacht, als er ihn sieht und fragt: Na, Kleiner? Willste mal gucken?
Der kleine, nicht normale Junge nickt und der Mann hebt ihn auf die Bühne. Dann geht er weg.

Ein kleiner Junge. Ein Junge, der nicht normal ist.
Und ein großer, schwarzer Kasten.
Der Pianist kommt, hockt sich neben ihn und lächelt ihn an. Lächelt den kleinen, nicht normalen Jungen an.
Mehr braucht es auch nicht. Der Junge streckt die Hand aus, seine Finger streifen das spiegelnde schwarze Holz; dann steht er wieder bewegungslos da. Der Pianist lächelt wieder und hebt ihn auf  den Klavierhocker. Draußen werden Rufe laut, dann stürmen die suchenden Betreuer durch die Tür. Als sie den Jungen entdecken, wollen sie auf die Bühne, doch der Pianist hebt die Hand. Er nimmt die Hände des Jungen und legt sie auf die Tasten.
Der kleine Junge schließt die Augen.
Er kann die Tasten fühlen. Er kann seinen Freund fühlen. Er fängt an zu spielen.
Etwas tief in seinem Inneren fängt an zu gluckern. Und dann weint Marco. Er spielt und weint dabei. Und dann schreit und stöhnt er.
Und als er fertig ist mit Schreien und Weinen, lacht Marco. Er lacht vor Freude.
Er hat seinen Freund gefunden. Er hat seinen Freund wieder gefunden.

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6 Gedanken zu “Fast normal

  1. Liebende Linn Christin

    Nimm einem Menschen die Sprache und Du tötest Ihn
    Der dies tut ist selber tot
    Verweigere Ihm den Selbstausdruck und Du erdrückst Ihn
    Der dies tat war Selbst unendlich bedrückt
    Vorenthalte dem Menschen die Freiheit und Er verkümmert
    Wie ein Rothkehlchen in einen Käfig gesperrt
    Lange wäre die Liste
    Und Du Ich
    Wir sind gefordert Tag für Tag
    ja in jedem Augenblick
    denn was ist Ewigkeit anderes
    einander die Würde zu schenken
    Weil Wir bekennede Gläubige sind
    Das Liebe mehr Kraft hat
    Als die Angst je Macht

    danke
    Dir Joachim von Herzen

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      1. Liebende Nanette und Linn-Christin

        „Normal“ ist was der Norm entspricht
        Von `33 bis `45 eben den rechten Arm hochreißen oder Du wurdest als „abnorm“ verfolgt
        Ob Du gesund natürlich und wahrhaftig bist ist annormal
        Denn nach den Statistiken der Krankenkassen ist Depression die Volkskrankheit Platz 1
        Ich bin nicht normal weder DIN Norm noch sonstiger Normierungen nach
        Für manche Menschen eine Zumutung
        Doch Mut ist kraftvoller denn Angst oder Verzagtheit
        Sonderbegabte Hochsensible Behinderte und Krüppel
        Die Kriegstreiber und Rüstungsexportgewinnler gelten als normal
        Denn dies alles mehrt den Umsatz und erhält oder schafft „Arbeitsplätze“
        Verkehrte Welt

        danke
        Till Eulenspiegel von Herzen

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