Meine Schwester Mia

Das alles geschah eigentlich nur, weil meine kleine Schwester Mia plötzlich ein Baum werden wollte. Sie hat manchmal solche Einfälle.
„Hast du dir das auch gut überlegt?“, fragte Dad ernst.
„Das ist eine wichtige Entscheidung, Mia“, ergänzte Mum. Um ihre Mundwinkel zuckte es und dann lachten sie beide.
Aber Mia wollte. Sie wollte unbedingt. Ein Baum werden.
Trotz der anbrechenden Dunkelheit lief sie sofort in den Garten. Dort stellte sie sich mitten auf den Rasen, streckte die Arme in den Himmel und wartete darauf, dass sie zum Baum wurde. Wir anderen blieben in der Küche, in der Gewissheit, sie werde bald zurückkommen, räumten gemeinsam den Tisch ab und lachten über Mias Einfall.
Es wurde spät und später und meine Schwester stand immer noch unbeweglich im Garten.
„Sie wird schon kommen“, sagte Dad schließlich, und dann gingen wir ins Bett.
Mitten in der Nacht erwachten wir, weil Regentropfen gegen die Scheiben trommelten. Zusammen schauten wir durchs Flurfenster in den Garten. In der undurchdringlichen Dunkelheit konnten wir Mia nicht erkennen, aber wir wussten trotzdem, dass sie da war. Ich meinte sie vor mir zu sehen, wie sie da stand, breitbeinig, klatschnass, mit ausgestreckten Armen, den Kopf in den Nacken gelegt. Sie hatte die Lippen trotzig zusammengepresst und der Regen lief ihr übers Gesicht.
„Sie wird schon kommen“, sagte Mum schließlich, und dann gingen wir wieder ins Bett.

Am nächsten Morgen rief Mum in der Schule an und entschuldigte Mia für die nächsten Tage.
„Danke für Ihr Verständnis … Ja, es ist etwas schwierig im Moment. Sie ist sehr … hölzern geworden …”
Wieder zuckte es um ihre Mundwinkel. Aber sie hatte ja noch die Lehrerin am Telefon. Dafür lachte Dad umso lauter.
„Du bist großartig, meine Liebste!“, rief er aus, sobald sie aufgelegt hatte, zog sie an sich und dann knutschten sie. Ich stand da und wusste nicht, wo ich hinschauen sollte. Auf die Uhr. Mein Bus war weg.
„Mein Bus ist weg“, sagte ich laut in den Raum hinein. Keine Reaktion. Nochmal.
„Mein Bus ist weg.“
Endlich lösten sie sich voneinander. Dad lachte wieder, wuschelte mir durchs Haar und ging zur Arbeit. Mum wandte sich mit geröteten Wangen zu mir um und wurde plötzlich ganz geschäftig. „Gottchen, so spät schon! Dein Bus ist sicher weg, komm, ich fahr dich zur Schule.“

Mia blieb den ganzen Tag auf dem Rasen. Dann die ganze Nacht und auch den nächsten Tag. Und ehe wir es uns versahen, stand sie schon eine ganze Woche dort draußen. Und dann einen Monat.
Abends beim Aufwasch räumte Mum Mias unberührtes Gedeck kommentarlos wieder ab, während Dad im Wohnzimmer Fußball schaute und ich meine Hausaufgaben machte. Alles war wie immer.
Manchmal ging ich zu ihr hinaus und setzte mich neben sie ins Gras. Wenn ich sie zufällig berührte, fühlte sich ihre Haut holzig an. Ihre Kleidung bekam Maserung, ihre Haare verästelten, die Arme wurden länger und als ihr eines Tages Blätter aus den Händen wuchsen, war keiner von uns sonderlich erstaunt. Wir hatten uns daran gewöhnt. Meine kleine Schwester war jetzt eben ein Baum.
„Wir lassen unseren Kindern viele Freiheiten“, sagten Mum und Dad stolz zu ihren Freunden.

Mias Füße waren jetzt tief im Erdboden verwurzelt und sie selbst war unter einer dicken Schicht wulstiger, dunkelbrauner Rinde verschwunden. Sie sah jetzt schon fast wie ein richtiger Baum aus. Wenn Mum und Dad in ihrem Eheglück allzu unerträglich waren, besuchte ich sie manchmal dort draußen
Als sie nach einem knappen Jahr schließlich völlig verholzt war, ging ich öfter zu ihr. Sie war jetzt größer als ich, und um einiges breiter. Ich setzte mich zwischen ihre Wurzeln und lehnte den Kopf an den Stamm. Manchmal erzählte ich ihr von der Schule und vom Getue unserer Eltern. Vom Fußballspiel des Vorabends oder der Geburtstagsfeier unserer Oma oder von meinem Kumpel Niklas, der uns eine Kopie der Matheprüfungsaufgaben verschafft hatte. Aber meistens saß ich nur so da und hörte dem Rascheln ihrer Blätter zu.
Wenn ich die Hände an den Stamm legte, konnte ich fühlen, wie das Leben darunter pulsierte.

An manchen Tagen konnte man Mia dabei ertappen, dass sie einen beobachtete. Dann blitzen ihre braunen Augen durch die Rinde – und schlossen sich sofort wieder, wenn man sie ansah.

Wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, steht sie da immer noch. Sehr groß ist sie geworden. Ein gerade gewachsener, stolzer Baum.
Ich habe nur Angst, dass wir vielleicht eines Tages wegziehen.
Was, wenn sie einer umhaut?

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