tunneljunge

da war sie auch schon wieder an ihm vorbei – ein einziger farbwirbel aus strampelnden beinen, roten haaren und einem grünen fahrrad – hinaus aus dem tunnel ins helle sonnenlicht, das die farbe auf den steinplatten aufleuchten ließ
wie jeden tag, vorbei an ihm, wenn er da stand und wartete, dass sie kam.
manchmal blieb sie fort. dann stand er vergeblich im dämmrigen neonlicht der spinnennetzverklebten deckenlampen, die ihren matten schein im tunnel verbreiteten, sodass man die graffiti erkennen konnte, wenn man genau hinsah.
wenn sie aber kam, hörte er es schon von weitem: das leichte rasseln ihrer fahrradklingel, das summen der reifen auf dem gefliesten boden, das laute schaben der bremse, wenn sie das fahrrad um die ecke riss, wie es sonst nur die halbwüchsigen in ihren gangs taten.
fast zu tode erschreckt hatte sie ihn das erste mal damit
nicht dass sie es gewusst hätte.
nicht dass sie denken würde, er stände ihretwegen hier, jeden tag aufs neue, in der matschigen dunkelheit zwischen verblichenem grafitto und dem ausgang, um sich beim schaben der bremse an die wand zu drücken – und wenn sie vorbei war, aus dem schatten zu treten und ihr nachzublicken – tausend farbkleckse unter flammend roten haaren – mit nur einem gedanken
ich bin ein nichts.

schritte, dann biegt sie um die ecke, zu fuß, das fahrrad schiebend. ein ängstlicher blick auf ihn und das erstaunen auf ihrem gesicht, als er auf sie zu tritt, die kapuze aus dem gesicht schiebt und ihr hilfe anbietet, lächelnd.
es sei die kette, sagt sie, und lässt sich helfen.
schon erledigt.
dann stehen sie zusammen draußen im hellen licht und wissen irgendwie nicht recht weiter, ob er sie begleiten solle, er tue es gern
sonne lässt ihre haare aufleuchten.

der tagtraum verglomm wie ein zigarettenstummel in der feuchten dunkelheit und ließ ihn bei den grafitti zurück mit nichts als der erwartung, sie werde noch kommen, vielleicht zu fuß, dass er sie ansprechen könne, aber nein.
tunnelratte. spinnengesicht. gullyjunge. es hallt in seinem kopf und er drückt sich an die wand, wenn sie kommt, jeden tag, nur ein schatten im grünen neonlicht, das einen die graffiti erkennen lässt, wenn man genau hinschaut.

Hund

Ich wünschte, ich könnte dir von dem Hund erzählen.
Dem traurigen, schwarzen Hund in mir.
Ich wünschte, ich könnte dir davon erzählen, wie er sich anpirscht, über Stunden und Tage
Wie er sich duckt und mit den Schatten läuft
(Ich kann ihn sehen aus dem Augenwinkel und er macht mir Angst, oh solche Angst)
Wie er mich anspringt zuletzt.
Ich wünschte, ich könnte dir sagen
Dass ich nicht deinetwegen weine
Nicht deinetwegen schweige
Nicht deinetwegen so weit weg bin
Dass es seine Schuld ist
Und nicht deine.

Und so liegen wir
und schweigen.

Ich wünschte, ich könnte dir erzählen, wie er sich breit macht in mir
Meinen Mut frisst
Meine Kraft verschlingt.
Ich wünschte, ich könnte beschreiben, wie er sich zu mir legt
Und mit treuen Hundeaugen zu mir aufschaut, in denen steht
Deine schuld
DEINE Schuld
DEINE EIGENE SCHULD
Ich wünschte, ich könnte es dir sagen
Doch wenn ich es versuche
Legt er mir die schwarze Pfote auf den Mund

Und so liegen wir
Und schweigen
Und wünschen
Bis du dich zur Wand drehst.