Die Alten.

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Ein verschmitztes Lächeln der ganz Alten, die hinter Neustadtfassaden hervorblinzeln. Teils selbstgewiss ihrer Weisheit, teils ironisch verwundert noch da zu sein, immer schläfrig im Schatten verborgen.
Sonnenstrahl lässt sie kurz erwachen.

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Streifzug

mit Fahrrad, Kamera und Survivor durch die Alte Neustadt und den Wissenschaftshafen.

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Es war schwer, sich von dem Zug wieder loszureißen. Er erweckte die Lust, auf das sonnenwarme Dach einer der uralten Waggons zu klettern und es sich wie Astrid Lindgrens Paradiesoskar zu fühlen, als Landstreicher in einer sonnigen, unbekümmerten Welt.

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In einer verlassen Fabrikhalle empfing mich nach dem Eindringen durch das einzige, begehbare Fenster diese Nachricht:

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Und wieder war es ein aufregendes Astrid Lindgren-Gefühl, mit einem angenehmen Gruseln durch die völlig unbewohnbaren Räume zu spazieren und sich zu fragen, wer sie genutzt haben mochte und warum nur „Freunde des Maroden“ sie in ihrer nach Staub und Schimmel riechenden Einsamkeit zum Leben erweckten.

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Mit einem Niesen zurück durch das kaputte Fenster ins Sonnenlicht.
Bierflaschen und eine provisorische Feuerstelle auf dem warmen Beton darunter erwecken die Lust darauf, mit Freunden, Feuerchen, Getränken und Gitarrenmusik hier der Elbe zu lauschen und die verlassene Ruhe zu genießen.

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fliegen

erinnerst du dich an den kleinen jungen?
erinnerst du dich an ihn?
wie er dort oben stand
an der wand, ganz in der stille
weißt du noch, wie er sich gemüht hat
mit pappe und papier, mit draht und bindfaden
klebstoff und spucke
bis es endlich gehalten hat.
er ist die rostigen treppen emporgestiegen
die flügel unter dem arm
erinnerst du dich an das knirschen der stufen
die rostkrümel an den nackten fußsohlen
wie er schließlich dort oben stand
den rücken an der schartigen hausmauer
die sonne hat gebrannt auf seiner haut
er war stolz
er würde fliegen.
nur der augenblick
nur das herantreten
nur sein atem.
das warst du!
und du konntest fliegen.

Mit Stolz und Freude und jeder Menge Erstaunen darf ich berichten, dass dieser Text für die Endauswahl des Othmar-Seidner-Jungautorenpreises der Lyrikfreunde e.V. nominiert worden ist. Das Ergebnis bleibt abzuwarten, aber die Tatsache allein ist schon Grund zur Freude genug.

Du kannst nicht mal eben Gott spielen.

Wissen-wollen. Die einen wollen es mehr, die anderen weniger. Für mich ist seine Bedeutung in der letzten Zeit gewachsen, für jemand anderen in meinem Leben wiederum ist dieses Ziehen, dieses Suchen nach mehr schon lange ein großes Bedürfnis. Wie weit kann so eine Suche gehen? Welche Grenzen gibt es? Und angenommen, man könnte diese Grenzen durchstoßen, welche Schwierigkeiten würden sich uns entgegenstellen? Wäre die Suche nach Gott dann immer noch eine Suche, auf die sich ein Mensch gefahrlos begeben kann?
Wie weit schwingt nur Wissensdurst bei dieser Suche mit – und wie weit mag es Hochmut sein, noch angepeitscht von dem Bedürfnis alles zu beherrschen? Aber ist nicht das Alles-wissen-wollen das Kennzeichen eines aufgeklärten Menschen?
Vor dem Hintergrund all dieser Fragen ist ein recht verwirrender Text entstanden. In einem Gedankenspiel wird die Grenze des für den Menschen Fassbaren, der „Horizont“ übertreten bzw. „angehoben“ und der Mensch im Angesicht mit Gott damit konfrontiert, was er eigentlich verstehen kann und was außerhalb seiner Reichweite liegt.
Es ist nur ein Gedankenspiel und vermutlich nicht für philosophische Diskussionen geeignet, denn es endet in einem Fiasko und selbstverständlich ist Suche nach dem Wissen und dem Verstehen von Gott und der Welt ebenso wichtig wie sinnvoll. Doch mich fasziniert die Idee einer höheren Macht, die dem Menschen geduldig-besorgt-amüsiert dabei zusieht, wie er das für ihn Unbegreifliche zu begreifen suchen – und die ihn schlussendlich einfach damit konfrontiert, und sei es nur aus Jux. Ein spielerischer, Konsequenzen ziehender Gott. Welch eine interessante Vorstellung!

Ich habe dich gesucht. Lange, forschend, wissbegierig. Sehr lange habe ich dich gesucht und dabei jeden Stein umgedreht. Erst noch geduldig vertrauend, später unruhiger, skeptischer. Als ich dich nicht fand, bin ich wütend geworden. Habe mit Paradoxa um mich geworfen und Buchstaben in der Luft zerrissen, habe Treppenhäuser verdreht, Musik in die Luft gejagt und schließlich rasend vor Unverständnis den Horizont angehoben.
Das hätte ich nicht tun sollen. In einem nicht menschensgleichen Schritt aus der vertrauten bleiernen Schwerkraft, den Gedankenflügen, kratzendem Hautkitzeln und gleißenden Farben hinaus, ins Nirvana. Davon ausgehend, dass solche Konstrukte nicht verfallen könnten, schrumpfte die Welt abrupt und für mich völlig überraschend. Ich war Gulliver in Lilliput. Plötzlich war da ein Gewicht, unvorhergesehen und schwer, und das Kind, das eine Erleichterung erwartet hatte und nicht eine Bürde, wollte zurück unters Bett kriechen, aber der Horizont war verschwunden und du standest mir im Weg.
Du kannst nicht mal eben Gott spielen, sagtest du und drücktest mir eine Spraydose in die Hand. Was hast du dir dabei gedacht?
Streng blicktest du mich an und ich sah eine fremde Größe in deinen Augen, etwas wie Wissen. Ein Wissen, das ich wollte. Trotzkindlich kickte ich die Naivität zu meinen Füßen hinweg.
Wärst du besser bei den Puppen geblieben, Kind, sagten die Augen, und laut sagtest du, jetzt spray dir deine Welt neu an, die alte wird dir kaum mehr genügen. – Aber es ist nichts da, was man ansprayen könnte, wandte ich ein, wies auf die uns umgebende Leere. – Das ist nicht mein Problem, versetztest du und ließest mich allein.
Neues sollte also Gestalt annehmen. Unwillkürlich erwartete ich eine Ähnlichkeit zum Vergangenen, eine Pracht, die gewohnt, eine Vertrautheit, die benötigt; doch die Farbe in der Spraydose blieb unsichtbar und nichts verdeckte meinen gewaltvollen Durchbruch ins Neue; er lag offen und brach wie eine frische Wunde im Acker und nichts blieb, um das verschreckte Kind zu beruhigen, das in dieser Sphäre herumtaumelte wie eine leere Plastiktüte im rauen Wind.
Du kannst nicht mal eben Gott spielen.

anfang

wie geht beginnen
wenn nicht das Wissen da ist, wohin
wie geht beginnen
wenn der Gedanke fehlt über das Wie
wenn nicht der Mut da ist zu klopfen und fragen
ob man eintreten dürfe
wie geht beginnen
wenn das erste Wort, der erste Schritt dein Herz verkrampft

dort wo der Anfang loslässt
wo die Mitte dir davonläuft
dort lass uns Freunde sein
und Windbindfäden ziehen zur Sonne und sie verspinnen
zu einem Netz unserer Erinnerungen

eine Geschichte.